Benahoariten
Aus Teneriffa
DIE BENAHOARITEN (prähispanische Bevölkerung La Palma)
Ihr Ursprung
Die ersten Theorien legten den Beginn der Ankunft der Benahoariten in die Jahre 2500 - 2000 v.Chr. Zunächst dachte man, dass die geometrischen Felszeichnungen ihren Ursprung in der Megalithkultur des atlantischen Europas (Irland, Gallien etc.) hatten, weshalb sie von Menschen dieser Breitengrade stammen mussten. Die Hypothese über eine so antike Ansiedlung stieß auf das unüberwindbare Hindernis, dass die ältesten Daten, nämlich die aus der Nekropole La Palmera (Tijarafe), über die prähispanisch-palmerische Etappe nicht weiter als bis ins 3.Jahrhundert v.Chr. zurück-reichen. Aber es bestehen etliche Anzeichen dafür, dass die ersten Bewohner etwa um das Jahr 5 v.Chr. angekommen sein könnten. Danach, zwischen 800 und 900, müsste eine weitere große Einwanderung erfoglt sein. Die Benahoariten kamen vom Nordwesten Afrikas (Tunesien, Algerien, Marokko und Mauretanien) und waren wohl Mitglieder der unzähligen Berberstämme, die damals diese immense Region bewohnten. Die Gründe, die zu jener Einwanderung auf die Insel geführt hatten, können unterschiedlicher Natur sein: fortschreitendes Austrocknen der Sahara mit den entsprechenden Schwierigkeiten, Nahrung zu finden, politische und militärische Instabilität in jener Region aufgrund der Eroberungen seitens des römischen und des karthegischen Reiches, Verschleppungen der sich den Eroberern entgegenstellenden Stämme und Ähnliches. Also könnten sie aus eigener Initiative oder durch jene imperialis- tischen Mächte zur Insel gekommen sein.
Sozialpolitische Organisation
Die Zahl der auf der Insel lebenden Benahoariten zur Zeit der spanischen Eroberung Ende des 15. Jahrhunderts ist aufgrund der kärglichen und widersprüchlichen Quellen aus der Völkerkunde sehr schwer auszumachen. So gibt z.B. Dr. Ernesto Martín Rodríguez eine Zahl von 4000 Bewohnern an. Wir hingegen glauben aufgrund der archäologischen Karteneiniger Gemeinden, dass diese Anzahl untertrieben ist und dass es sich um mindestens 6000 Benahoariten handelte.Bezüglich ihres Aussehens stimmen die Chronisten darin überein, dass die Ureinwohner La Palma von der Statur her die größten der kanarischen Inseln waren, es ist sogar von Riesen die Rede. Allerdings weisen die wenigen wissenschaftlich durchgeführten Studien darauf hin, dass die Männer eine durchschnittliche Größe von 1,70 m und die Frauen von 1,65 m hatten. Sie gehörten zur weißhäutigen Rasse, obwohl Chroniken von einigen "dunklen Typen" sprechen. Eine weitere Tatsache, die die ethnographischen Quellen hervorheben, ist die Stärke und Wildheit der Frauen, die keinen Moment zögerten, 1492 beim Einfall der spanischen Eroberer neben ihren Männern um ihre Freiheit zu kämpfen.
Das grundlegende Organ des sozialen Zusammenhalts stellte die Familie dar, die nuklear (Eltern und Kinder) oder extensiv (zusammen mit Angehörigen gemeinsamer Vorfahren) sein konnte. Der Hauptsitz der Regierung war der Tagoror, ein großer mit Sitzplätzen versehener Steinkreis, wo sich die hohen Herren, Noblen und Ältesten jeden unabhängigen Stammes versammelten, um all jene Fragen, die das Überleben ihres Volkes betrafen, zu behandeln. Laut Álvarez Delgado wurde Benahoare, so nannten sie ihre Insel, was "meine Erde" bedeutet, bis etwa 1460 von einem einzigen König regiert. Nach seinem Tod wurde die Insel in 12 Kantone aufgeteilt, wovon jeder einzelne außer Aceró von der Küste bis zu den Berggipfeln reichte. Diese Hypothese scheint sich zu bestätigen, weil nach den völkerkund-lichen Quellen die Hauptmänner eines jeden Stammes bis Ende des 15. Jahrhunderts mitein-ander verschwägert waren. Jeder unabhängige Kanton konnte von einem, zwei oder drei Brüdern regiert werden. Die prähispanisch-palmerischen Stämme waren: Aceró (La Caldera de Taburiente), Tixarafe (Tijarafe und Punta Gorda), Tagalguen (Garafía), Tagaragre (Bar-lovento), Adeyahamen (San Andrés y Sauces), Tenagua (Puntallana), Tedote (Santa Cruz de La Palma, Breña Alta und Breña Baja), Tigalate (Villa de Mazo), Ahenguareme (Fuen-caliente), Tamanca (Los Llanos de Aridane und El Paso), Tihuya und Aridane (Los Llanos de Aridane, El Paso und Tazacorte).
Die Benahoariten praktizierten die Kindestötung, allerdings wurde sie nicht generell und systematisch gehandhabt, sie wurde auf Zeiten der Hungersnot beschränkt. Man tötete nur Mädchen und immer erst nach dem zweiten Kind.
Die Technologie
Die Benahoariten fabrizierten aus Rohstoffen der Natur, die ihnen die Insel bot, eine Reihe von Utensilien, um damit ihren Alltag ein wenig erträglicher zu machen. Die prähispanische KERAMIK La Palma ist eine der schönsten und spektakulärsten der kanarischen Inseln. Außerdem handelt es sich um ein archäologisches Kleinod, das ermög-lichte, eine Verbindung zur Kultur der prähispanischen Inselbevölkerung herzustellen. So hat man vier Keramikphasen nachvollziehen können, die von der ältesten bis zur jüngsten folgende sind:
- Phase I zeigt eine Teigmasse schlechter Qualität und die Schüsseln neigen zu runden, halbrunden und Kegelstumpfformen. Es fehlen ihnen Verzierungen, oder diese sind sehr primitiv.
- Die Gefäße der Phase II wurden sorgfältiger erstellt und es herrschen die Kegelstumpf- und zylindrische Form vor. Die Dekoration besteht aus Rillen, die Metopen bilden.
- In der Phase III erkennt man eine Weiterentwicklung im Typ der Schüsseln wie auch in den Dekorationsmotiven. In der Subphase IIIa herrschen zylindrische und kegelstumpfför-mige Keramiken mit Rillenverzierung und Drucken in horizontalen Streifen und leichten Reliefs vor. Die Subphase IIIb ist für die vorherrschenden Reliefs charakteristisch. Häufig ist die Linie der äußeren Formgebung im unteren Teil oder auf halber Höhe unterbrochen. Die Subphase IIIc unterscheidet sich durch ihre runden Gefäße mit durchlaufender, erst hoch oben unter dem Rand unterbrochener Formlinie. Die aus Ovalen bestehende Verzie-rung bedeckt nur die obere Hälfte der Schüssel. Die Subphase IIId setzt sich in den runden Keramiken mit erst hoch oben unter dem Rand unterbrochener Formgebung fort. Die Rillen- oder Reliefdekorationen bilden geometrische, den Felszeichnungen sehr ähnliche Motive.
Auf den kanarischen Inseln gibt es kein Metall als Rohmaterial, allerdings gibt es einen sehr häufigen Rohstoff, nämlich das Vulkangestein, mit dem die Benahoariten eine wunder-schöne und sehr vielseitige STEININDUSTRIE betrieben, die sie mit unzähligen Utensilien versorgten, die ihnen u.a. zum Schneiden, Zermalmen, Raspeln und Zermahlen dienten. Zum anderen nutzten sie die Steine auch als Waffen, Amuletts, Anhänger und Sonstiges mehr. Den fundamentalen Rohstoff bildeten der graue und der Glasbasalt, die aus den vom Meerund den Schluchten blank gescheuerten Schneckenschalen entstanden. Aus dem porösen Basalt oder auch "minderwertigem Stein" stellten sie ihre Getreidemühlen her. Die kleinen, senkrecht abgesplitterten Bruchplatten ergaben hervorragende Messer. Sie nutzten auch Flöz und Flint, die sie sich aus schmalen, im Innern der Caldera de Taburiente befindlichen Adern besorgten. Der Obsidian wurde sehr geschätzt, da er ihnen dank seiner sehr scharfen Schneideflächen bestes Handwerkszeug lieferte. Jedoch war dieser Rohstoff auf La Palma sehr rar und vonschlechter Qualität. Die Hauptadern treten nur im Innern und im gebirgigen Rand der Caldera de Taburiente auf. Der Obsidian wurde so intensiv abgebaut, dass er an seinen Fundorten ab der Keramikphase IIId und IV praktisch völlig verschwand.
- Die Phase IV stellt einen Bruch im vorausgegangenen Entwicklungsprozess dar und könnte ihren Ursprung in der neuerlichen Ankunft von Menschen aus dem Nordwesten Afrikas so um das Jahr 900 finden. Man unterscheidet zwei Typen. Die Subphase IVa weist runde Formen mit Drucken (Fingernagel-, Kamm- und Punktmuster), die über die gesamte Fläche verteilt sind, und Einritzungen auf. In der Subphase IVb herrschen die runden Formen vor und die Dekoration besteht aus kontinuierlichen oder unterbrochenen Einritzungen und gepunkteten Drucken in horizontalen Streifen, die sich auf dem gesamten Stück außer auf der Unterseite verteilen.
Auch aus Lehm wurden andere Utensilien hergestellt, bekannt als "Fonile", deren genauer Zweck unbekannt ist (evtl. als Trichter, eine Art Musikgerät, Mundstück für die großen ledernen Flüssigkeitsbehälter, Schornstein ...). Ebenso fabrizierten sie Halskettenglieder und kleine Götzenfiguren magisch-religiösen Charakters. Die Benahoariten kannten die Töpferscheibe nicht. Die Herstellung der Gefäße erfolgte mittels Aufeinanderlegen von Lehmröllchen. Die Schüsseln wurden mit Spachteln aus Knochen oder vom Meer und der Erde polierten Schalen der Molusken geglättet. Sie wurden in sehr einfachen Öfen gebrannt, die schlicht aus einem mit vegetarischer Materie abgedecktem Loch im Boden bestanden.
Die KNOCHENINDUSTRIE der Benahoariten war sehr verbreitet und vielseitig. Wenn sie ihre Haustiere schlachteten, besonders die Ziegen, Schafe und Schweine, wurde nichts, aber auch gar nichts ungenutzt gelassen. Einen Teil der Knochen wählte man, um daraus Pfrieme und Nadeln zu fabrizieren, die sie hauptsächlich aus den Schienbeinknochen der Schafe und Ziegen preparierten. Diese Stücke wurden manchmal gebrannt, poliert oder mit feinen Gravierungen versehen. Man gebrauchte sie vor allem, um die Ziegen- und Schafsfelle zu durchstechen, mit denen sie ihre Kleidung herstellten, und um die Tongefäße zu dekorieren, bevor sie sie in den Ofen gaben. Eine weitere Art von Utensilien waren Pfriemhüllen oder preparierte Knochen, die man zum Schutz vor dem Zerbrechen der Nadeln benutzte, und um das Durchstechen der Tierhäute zu erleichtern, wahrscheinlich auch als Anhänger. Die Spachtel stellten sie aus breiten Knochen her und diese dienten zum Glätten der Keramiken oder zum Abschaben von Fleisch, Blut und Fett, das noch an den Häuten der geschlachteten Tiere haftete. Die Benahoariten waren große Liebhaber jeglichen Körperschmucks, und zwar in dem Maße, dass sie unzählige Halskettenglieder in allen Formen und Größen fabrizierten, sie trugen sogar vollständige Schafs- und Ziegenknochen fast ohne Bearbeitung (Zehen, Ellbogen, Gelenkkapseln der Oberschenkel usw.). Die beliebtesten Knochen waren die der Ziege, des Schafes und des Schweins, obwohl man auch Halskettenglieder aus Vogelknochen, Fischgräten, Elfenbein ausgefallener Walzähne und anderes mehr gefunden hat.
Die HOLZINDUSTRIE muss wohl sehr verbreitet gewesen sein, obwohl wir heute nur mit wenigen Stücken zählen können, da es sich um ein höchst vergängliches Material handelt. So gebrauchten z.B. die Hirten Holzschüsseln wegen ihrer Leichtigkeit und Schlagfestigkeit. Aus Holz wurden auch Löffel, Anhänger, Fackeln als Lichquellen und Sonstiges hergestellt. Die Wahl des Rohstoffs hing vom Gegenstand ab, den man fabrizieren wollte. Die meist verwendete Holzart war die der kanarischen Kiefer, der Linde, der kanarischen Zypresse und der Erika. Für ein fast nur aus Hirten bestehendem Volk waren Lanzen und Stäbe hoch geschätzt. Die Hauptwaffe aus Holz war eine Art Lanze, Moca genannt, die manchmal über der Flamme erhärtet und an einem Ende mit einem Ziegenhorn versehen wurde. Auf La Palma sind Stücke aus Holz erhalten, die sogenannten "Boomerangs" oder "Crosses", die man auf der großen Nekropole in Breña Alta und San Andrés y Sauces entdeckte und über deren Bedeutung unzählige Theorien aufgestellt wurden: Symbole gewisser Gottheiten, hierarchische Embleme, Waffen, musikalische Schlaginstrumente, Sicheln zum Mähen und vieles mehr.
Das Korbflechten war wohl eine der häufigsten täglichen Arbeiten, da die Körbe leicht entzweigingen. Das meist benutzte Grundmaterial stellten die Blätter der Palme oder die Binse. Damit stellten sie große Mengen der für ihr Tagewerk notwendigen Utensilien wie Matten,Taschen und Tragekörbe, Fischernetze, Vorhänge usw. her. Holz gehörte gewöhnlich auch zum Bestandteil der Beisetzungen. Alle Verstorbenen wurden auf dem Chajasco gebettet, eine Tragbahre aus Holz, die den Kontakt des Körpers mit dem Boden verhinderte. In der Nekropole von La Mondina (Barlovento) benutzten sie Körbe aus zerklopften und geflochtenen Binsen als Hüte für die Leichen.
Die LEDERINDUSTRIE war auch weit verbreitet, allerdings ist der größte Teil der Stücke im Laufe der Zeit zerfallen. Die Sehnen der geschlachteten Haustiere wurden als Fäden zum Nähen genutzt. Mit den Häuten der Ziegen und Schafe stellten sie ihre Kleidung und ihr Schuhwerk her, aber dazu wurde auch die Haut des Schweins verwandt. Außerdem musste in ihren Wohnhöhlen und Hütten ein großes Maß an Objekten aus bear-beiteten Tierhäuten bestanden haben, wie z.B. Decken zum Warmhalten, Vorhänge, um sich gegen Wind und Sonne zu schützen, Säckchen zum Vermengen des Gofio (Mehl), Behälter zum Herstellen von Schmalz, wie auch Taschen und Rucksäcke, um Lebensmittel zu trans-portieren... Und schließlich wurden die Tierhäute bei Beisetzungen zum Einwickeln der Mumien ange-wandt, so wie man bei den menschlichen Überresten feststellen konnte, die aus einer im El Barranco del Espigón (Puntallana) entdeckten Grabhöhle stammen.
Die MOLUSKENSCHALENINDUSTRIE war Bestandteil der bewohnten Höhlen und Hüttendörfer. Viele der Muscheln sind vom Glätten der Keramiken und Tierhäute poliert und abgenutzt. Bei anderen Stücken findet man an einem der Enden eine kleine Vertiefung, in die ein mit Leder befestigtes Stöckchen gesteckt wurde, was sie als Löffel gebrauchten. Die große Vorliebe der Benahoariten für Halsschmuck führte sie dazu, auch die Schalen vieler Seeschnecken, wie Napfschnecke, Purpurschnecke, so auch der Auster und anderer Schalentiere als Kettenglieder zu nutzen. Das Problem der Überbevölkerung während der Keramikphase IV führte im nördlichen Teil der Insel, als alle natürlichen Höhlen besetzt waren, dazu, weiträumige Dörfer aus Hütten zu errichten, wie das von La Cruz de La Reina (Puntagorda). Im Süden der Insel gab es auf-grund des Fehlens oder der geringen Tiefe der Schluchten wenige Höhlen, weshalb den Benahoariten nichts anderes übrig blieb, als sich in weitläufigen Dörfern aus künstlich errichteten Steinkonstruktionen niederzulassen, wie u.a. im Barranco de Las Ovejas (El Paso), Llanos Negros (Fuencaliente) und Roque de Los Guerra (Villa de Mazo). Die Hütten waren mit etwa 2 m Durchmesser reichlich klein. Sie waren gewöhnlich rund oder oval. Manchmal bildeten sie umfangreiche Einheiten aus aneinandergebauten Konstruktionen. Ihre Eingänge wurden immer zur windabgedrehten Seite ausgerichtet. Die Mauern waren sehr dick, vor allem die Grundmauern, sie konnten breiter als einen Metersein. Die Höhe der Mauern reichte bis zu etwa 1,60 m und das Dach bestand aus einer pflanzlichen Abdeckung.
IHR LEBENSRAUM
Eine der ersten und dringlichsten Aufgaben, die die Benahoariten erfüllen mussten, als sie auf der Insel landeten, war, einen passenden Ort zum Leben zu finden. Eine Lösung fand sich in den zahlreichen natürlichen Höhlen, die zum größten Teil an den Hängen der Schluchten und Steilküsten existierten. Die ersten Ureinwohner wählten die zum Bewohnen günstigsten Höhlen u.a. nach ihrer Geräumigkeit, Helligkeit und Trockenheit aus. Die Pro-bleme begannen durch das Anwachsen der Bevölkerungszahl, so mussten andere Höhlen mit schlechteren Wohnbedingungen bezogen werden. Die lebensgünstigsten Zonen hingen vom Klima der jeweiligen Region der Insel ab. So lagen die Dörfer im nässeren Norden und Nordosten zwischen dem Meeresufer und den bis zu 400 m hohen Mittellagen. Im südlichen Teil und im Nordwesten überschritten die permanenten Niederlassungen sogar die 1000 m Höhenlage. Die Höhlen wurden meistens ohne irgenwelche Veränderungen bezogen. Die Benahoariten beschränkten sich auf kleine Reformen wie Steinmauern vor dem Eingang, um sich gegen Unwetter zu schützen, Steinablagen oder Regale, simple Pritschen und wenig mehr. Die tiefsten und geschütztesten Stellen in den Höhlen dienten als Schlaflager oder Vorratskammern. Bei der Wahl der Höhle, in der sie sich niederlassen wollten, wurden verschiedene Gesichtspunkte berücksichtigt wie etwa Geräumigkeit, Lage, Reichtum an Futterpflanzen für ihre Herden, gute Möglichkeiten zum Ernten von pflanzlicher Nahrung und Meeresfrüchten, Vorhandensein nahe gelegener Quellen usw.
Ökonomische Aktivitäten
Die ethnographischen Quellen sagten den Benahoariten größtenteils Kenntnisse über Landwirtschaft ab, weil man glaubte, dass die Insel so reich an wilden Früchten und Samen gewesen sei, dass das Säen von Getreide völlig überflüssig gewesen wäre. Jedoch tauchten bei den letzten Ausgrabungen (1987 - 88) in der Höhle von El Tendal (San Andrés y Sauces) viele Korn-, Hafer-, Bohnen- und Linsensamen auf, die auf das Betreiben von Landwirtschaft hindeuten, zumindest während einer gewissen Etappe in der Entwicklung ihrer Kultur. Wie dem auch sei, die Landwirtschaft spielte bei ihren täglichen Arbeiten nur eine untergeordnete Rolle. Ethnohistorische Daten und zoologisch-archäologische Studien weisen darauf hin, dass die Ureinwohner La Palmas Mischherden von Ziegen, Schafen und Schweinen besaßen. Die ersten beiden waren die Lieferanten eines lebenswichtigen Bestandteils ihrer Ernährung: die Milch, die sie pur oder gemischt mit Gofio (geröstetes Mehl) aus Getreide, Samen oder Wurzeln tranken. Die Schweine waren während längerer Zeiträume die Hauptlieferanten für Fleisch. Außerdem rechneten sie mit der unschätzbaren Hilfe ihrer Schäferhunde. Die Benahoariten betrieben hauptsächlich Weidewirtschaft, denn von ihrem Viehbestand hing ihr Lebensunterhalt ab und ein bedeutender Teil ihres magisch-religiösen Glaubens stand in direkter Beziehung zum Hirtentum. Die Aufteilung der Insel in 12 unabhängige Kantone, deren geografische Grenzen bis auf eine alle von der Küste bis zu den Berg-gipfeln reichten, erklärt sich aufgrund der Notwendigkeit, mit ausreichendem und saftigem Viehfutter rechnen zu können, und zwar das ganze Jahr hindurch. Die Funktionsweise des Weidegangs der Benahoariten war perfekt reguliert und organisiert, sie passten ihn der jeweiligen vegetarischen Zone je nach Jahreszeit an. Das Weiden in Küstennähe, also im Winter, begann nach den ersten Regenfällen. Beim Fortschreiten des Jahres blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die mittleren Höhenlagen zu steigen, wo sie den größten Teil des Jahres verbrachten, bis der fehlende Regen und die zu Neige gehenden Futterpflanzen sie zwangen, in die höchsten Gipfel zu klettern, wo sie den ganzen Sommer verharrten. In dieser letzten Zone ließen sie sich in riesigen Lagern mit unzähligen Hirtenunterständen in der Umgebung nieder, von wo aus sie die Bewegungen der Herden kontrollierten. Weitere wirtschaftliche Tätigkeiten wurden durch andere Tagesarbeiten ergänzt, die eine untergeordnete Rolle spielten und die auch von den Frauen, Kindern und Alten durchgeführt werden konnten. Die meisten volkskundlichen Quellen besagen, dass die Benahoariten nicht schwimmen konnten und keinen Fisch aßen. Dagegen haben zoologisch-archäologische Studien gezeigt, dass Fischfleisch ein fester Bestandteil ihrer Ernährung darstellte, zumindest der Menschen, die näher am Meer lebten, obendrein versorgte es sie mit anderen wichtigen Nahrungsmit-teln wie die Meeresfrüchte: Napfschnecken, Purpurschnecken und sonstige Schalentiere. Der Fisch- und Seemoluskelfang vollzog sich überwiegend in der Sommerzeit, wenn die üblichen Nahrungsmittel wie Milch und Fleisch knapp waren. Ebenso hat die zoologische Archäologie bewiesen, dass die Benahoariten die Jagd auf Federwild in der Nähe ihrer Wohnorte ausübten, und schließlich versorgten sie sich mit weiteren Nahrungsmitteln, indem sie viele Früchte und Beeren wie Datteln, Erdbeeren und andere endemische Baumfrüchte sammelten.
Die Bestattungsbräuche
Die Benahoariten glaubten an das Bestehen einer anderen Welt, folglich ließen sie ihren Toten eine besondere Fürsorge zukommen. Die Grabstätten wurden gewöhnlich an Orten mit schwerem Zugang untergebracht, weit weg von den Dörfern ihrer bewohnten Höhlen, allerdings wurde dies mit dem Wachstum der Bevölkerungszahl undurchführbar. Die meist verbreitete Bestattungsart war die Beisetzung in natürlichen Höhlen, und zwar von einzelnen kleinsten, finsteren Grotten bis hin zu großen Nekropolen. Um den Kontakt des Körpers mit dem Boden zu vermeiden, wurden Beerdigungsbretter, bekannt als Chajas-cos, ausgelegt. Selten wurden die Grabstätten zum Beispiel mit Steinmauern wie in La Palmera (Tijarafe) oder La Cucaracha (Villa de Mazo) hergerichtet. Die Ureinwohner La Palmas praktizierten auch die Verbrennung ihrer Toten. Bei dieser Vorgehensweise könnte es sich um einen bewussten Ritus oder einfach darum handeln, Platz für weitere Leichen zu schaffen, falls die Grotte mit menschlichen Überresten voll war. Zu den Toten legte man Teil des Hausrates, den diese Personen zu Lebzeiten benutzt hatten, wie Gefäße mit Nahrung, Steingut, Waffen, Hirtenstäbe, Anhänger aus Knochen oder Muscheln etc. Die Benahoariten führten auch die Mumifizierung durch, allerdings war sie nicht sehr verbreitet, sondern wurde mit aller Wahrscheinlichkeit nur bei wichtigsten Persönlichkeiten der Gemeinde angewandt. Die einzige Mumie, die man auf La Palma kennt, stammt aus der Nekropole des Barranco del Espigón (Puntallana).
Der magisch-religiöse Glaube
Laut ethnohistorischen Quellen glaubten die Benahoariten an die Existenz einer höheren Gottheit, die sie Abora nannten, was "das hohe" oder "göttliche Licht" bedeutet. Dieses Wesen wohnte im Himmel, den sie als Tigotán bezeichneten. Man hat diese Gottheit mit der Sonne identifiziert, und sie hatte die Fähigkeit, an gewissen Stellen, wie dem Roque (Fels) Idafe (La Caldera de Taburiente) zu erscheinen. Dieser Ort stellte ihre axis mundo (Weltmittelpunkt) dar, weshalb sie eine Reihe von Riten dort abhielten, um zu verhindern, dass sie zusammenstürze. Sie verehrten auch den Mond und anhand seines Zyklus berech-neten sie die Zeit. Ihren Göttertempel vervollständigten sie mit kleinen, sehr schematischen, menschenähnlichen Götzenfiguren aus Lehm. Den Teufel nannten sie Iruene, Irnene oder Haguanrán, ihm schrieben sie alles Unheil und alle Krankheiten zu. Er erschien als riesiger Hund mit zotteliger Mähne. Eine der interessantesten und spektakulärsten Offenbarungen der bis heute bekannten prähispanisch-palmerischen Etappe sind die mehr als 200 Fundstellen mit Felsmalereien. Die Petroglyphen der Benahoariten verteilen sich über alle geografischen Bereiche, vom Ufer des Meeres bis zu den höchsten Gipfeln. Der erste Fund an Felszeichnungen wurde 1752 durch Domingo Van de Walle de Cervellón, und zwar in der Belmacohöhle (Villa de Mazo) bekannt. Trotzdem dauerte es bis Ende des 19. Jahrhunderts, bis die Entdeckungen kontinuierlich erfolgten. Die goldene Epoche der Funde fand in den Siebzigern des 20. Jahrhunderts dank Dr. Mauro Hernández Pérez statt, und von da an folgten Dr. Juan Francisco Navarro Mederos, Dr. Ernesto Martín Rodríguez und Dr. Felipe Jorge Pais Pais. Beim jetzigen Stand der Forschung können wir bestätigen, dass 3 Hauptgebiete, was die Reichhaltigkeit an Felsmalereien betrifft, bestehen: 1. in der Gemeinde Garafía konzentrie-ren sich mehr als 60 % aller Funde, 2. am südlichen Rand der Caldera de Taburiente, näm-lich an den Hängen des Pico de Bejenado (El Paso) und 3. auf den Wiesen in den hohen Bergen, die die Caldera de Taburiente umgeben. Man kann drei Typen der prähispanischen Petroglyphen La Palmas unterscheiden: 1) die geometrischen Motive machen mehr als 95 % der Funde aus. Die Thematik ist nicht sehr verschieden, doch die Motive erreichen einen hohen Grad an überladenem Stil und Ver-schlingungen. Die häufigsten Zeichen sind Spiralen, Mäanderlinien, Kreise mit angefügten Halbkreisen. Weitere, seltenere Symbole sind die rechtwinkligen wie die griechisch-eckigen Wellenlinien. Die grundlegende Ausführungstechnik war das Einhämmern mittels Steinen in unterschiedlicher Breite und Tiefe. 2) Die kreuz- und nachenförmigen Motive sind für die meisten Forscher historisch oder aus der Zeit unmittelbar vor oder nach der Eroberung der Insel. Der interessanteste Fund der kreuzförmigen Zeichen befindet sich in El Lomo Boyero (Breña Alta) und man nimmt an, dass sie dazu dienten, den Ort zu weihen, an dem die Benahoariten ihre Riten abhielten. Die sehenswertesten nachenförmigen befinden sich in El Calvario und El Cercado (Garafía). Obwohl die meisten durch Einhämmern mittels Steinen entstanden sein mögen, war wohl das Einmeißeln mit Hilfe spitzer Gegenstände am geläufigsten. 3) Die einzige Stelle mit alphabetähnlichen Petroglyphen findet man in Tajodeque (an den Hängen der Caldera de Taburiente). Es handelt sich um Tifinaghzeichen, die wohl ab dem Jahr 900 von den Erstellern der Keramikphase IV angewandt wurden. Die Hypothesen über ihre mögliche Bedeutung sind zahlreich. Die ersten entdeckten Fund-stellen brachte man in Verbindung mit der Verehrung des Wassers und der Göttin der Quel-len, da sich diese Funde an permanenten Gewässern befanden. Die Fundstellen auf den höchsten Gipfeln schrieb man der Verehrung der Sonne zu. Andere Theorien sprechen u.a. von einer Art Ausschilderung für Schäferpfade, Abgrenzungen von Weideplätzen oder Grenzmarkierungen ihres Eigentums. Gegenwärtig neigen die meisten Forscher dazu anzu-nehmen, dass sie in direktem Zusammenhang mit den um Regen erflehenden Riten standen.
Auch hat man unzählige Parallelen zu weit enfernten Welt- und Zeiträumen im geografi-schen wie kulturellen Bereich gesucht. Die ersten Hypothesen zielten darauf, dass die Petro-glyphen von Menschen aus dem atlantischen Europa stammten. Man hat sie auch mit anderen, sehr ähnlichen Motiven aus Ägypten, Kreta und sogar Lateinamerika in Verbin-dung gebracht. Heute wissen wir, dass sie durch Menschen aus dem Nordwesten Afrikas entstanden, wo viele Exemplare dieser Art geometrischer Zeichen bestehen. Die Steinanhäufungen oder "Pyramiden" hat man bisher nur in dem gebirgigen, die Caldera de Taburiente umgebenden Rand gefunden. Die ethnohistorischen Quellen bieten uns ausgezeichnete Beschreibungen dieser Art von Funden: "Es waren jene Götter verehrenden Palmeros, und jeder Hauptmann verfügte über einen Ort, den sie zur Anbetung aufsuchten, deren Anbetungsweise folgendermaßen war: sie häuften viele Steine zu einer Pyramide, so hoch wie es die losen Steine erlaubten, und an den Tagen, die sie für diese ihre Anbetung festgelegt hatten, kamen alle dorthin, versammelten sich um den Steinhaufen und tanzten und sangen ihre rythmischen Klagelieder, rangen miteinander und vollführten sonstige zu ihrem Vergnügen übliche Übungen". (J. Abreu Galindo: Historia de la Conquista de las Siete Islas de Canaria ((Geschichte der Eroberung der sieben Inseln der Kanaren )) - Santa Cruz de Tenerife, 1977, Seite 270).
Diese Funde bestehen aus schlichten Anhäufungen von Steinen, wobei der runde oder ovale Grundriss vorherrscht und deren Durchmesser bei etwa 1,50 m bis 4,00 m liegt. Sie können einzeln oder in Gruppierungen von 2 bis 5 auftauchen. Die bedeutendste Fundstelle ist zweifellos der Komplex für zeremonielle Anlässe im Llano de Las Lajitas (Garafía), der aus 17 künstlich errichteten Strukturen besteht. Wie so oft ist er von zahlreichen Felsmale-reien geometrischer Motive umgeben. Das Errichtungssystem weist zwei Arten auf. Die spektakulärsten bestehen aus einem durch fest in den Boden gerammte große Felsplatten begrenzten Umriss, dessen Innenraum mit Felsbrocken oder kleinerem Gestein gefüllt wurde. Die einfachen Haufen sind schlichtes Aufeinandertürmen von Gestein, die selten einen Meter Höhe überschritten. Hinsichtlich ihrer Bedeutung wurden von dem o.e. J. Abreu Galindo einige Hinweise gege-ben. Bei etlichen Berberstämmen des marokkanischen Hohen Atlasgebirges gibt es ähnliche, von Frauen errichtete Strukturen, die sie Kerkús nennen; zu bestimmten Jahreszeiten treffen sie dort ein, um einen Stein als Opfergabe für Fruchtbarkeit und Kindersegen dorthin zu werfen. Die Steinanhäufungen der Benahoariten könnten im Zusammenhang mit den Riten während des Übergangs vom Jugendalter zum Erwachsensein und für ihre Fruchtbarkeit stehen.
Die Kombinationen von Ablaufrinnen und kleinen Sammelbecken sind Funde, die bis vor kurzer Zeit in der prähispanisch-palmerischen Etappe praktisch unbekannt waren. Der erste Fund wurde 1972 in El Lomo Boyero (Breña Alta) gemacht. Auf den nächsten im El Llano de Los Alcaravanes (La Caldera de Taburiente) mussten wir bis 1988 warten. Von dem Zeitpunkt an verliefen die Entdeckungen kontinuierlich, wobei man Gruppierungen in Villa de Mazo, Fuencaliente, El Paso, Tijarafe, Garafía, Punta Gorda und Santa Cruz de La Palma ausfindig machte. Die meisten Fundstellen sind aus ausgehöhltem Tuffstein. Die Kombination von Rinnen und kleinen Auffangbecken hängen direkt mit den Riten, die dem Flehen nach Regen galten, zu-sammen. Der Ritus bestand darin, dass Mensch und Tier einige Tage ohne Nahrungsaufnah-me blieb, dann versammelten sie sich an diesen Orten, denn sie glaubten, dass das Meckern der Ziegen, das Blöken der Schafe und das Schreien der Menschen den Regen herbeibräch-ten. Gleichzeitig boten sie Opfergaben und gossen Flüssigkeiten aus, die langsam alle Rinnen und Becken durchliefen, da diese Steinplatten einen Neigungsgrad besitzen, der das Durchfließen vom höchsten bis zum tiefsten Punkt ermöglichte.
